Geschichte des Tattoos

Frauenruecken mit DrachenDie Verzierung des Körpers durch Tätowierungen hat eine umfassende Geschichte. Nahezu fast so lange wie es die Menschheit gibt,  existieren auch Belege über den Brauch, den menschlichen Körper dauerhaft mit Farbe zu verändern. Schon immer wurde das Tätowieren von Menschen nicht ausschließlich als Schmuck oder Zierde verwendet sondern vielmehr als Darstellung des sozialen Status, von Siegen und Niederlagen, Heiratsfähigkeit und Weisheit. Neben den Ziernarben und der Körperbemalung ist das Tätowieren die einzige Form des Schmucks, welche nicht unabhängig vom Träger untersucht werden kann. Der Mensch selbst wird zu einem Teil des Schmuckstücks, da es ohne seinen Träger nicht existieren könnte. Trotz dieser Ganzheitlichkeit und Dauerhaftigkeit des Schmuckstücks, ist es jedoch aufgrund der Vergänglichkeit des Körpers, die am schwersten zu bewahrende Form von Schmuck.

Sieht man von der reinen Funktion des Schmückens und auch der kosmetischen Verwendung ab, so hat eine Tätowierung seit jeher meistens eine wichtige Bedeutung für seinen Träger inne.

 

Die künstlerische Äußerung,

den Körper dauerhaft zu „bemalen“, hat sich bei verschiedenen Kulturen und indigenen Gesellschaften unabhängig voneinander entwickelt und kann somit keinem genauen geographischen Ursprungsort zugeordnet werden.
Sowohl die Kelten, als auch die Ägypter und Römer, verschiedene nord-, süd- und mittelamerikanische Volksstämme, diverse afrikanische Stämme und sowohl Chinesen als auch Japaner, um nur eine grobe Übersicht zu leisten, bedienten sich der dauerhaften Farbeinbringung in die Haut. Nubische Frauen, welche bekannt waren für ihre besondere Schönheit, schmückten sich mit Tätowierungen im Gesicht, wie beispielsweise einer Linie von der Unterlippe über das Kinn, einem Halbmond auf der Stirn oder künstlichen Schönheitsflecken auf der Wange. Nubische Sklavinnen waren den Überlieferungen nach im alten Ägypten sehr begehrt. 1947 fanden russische Archäologen in Sibirien an der mongolisch-chinesischen Grenze die Mumie eines skythischen Kriegerhäuptlings, welcher auf 500 Jahre vor Chr. datiert wurde.
Beide Arme, Schultern und Teile des Oberkörpers, sowie ein Bein sind mit fetten schwarzlinigen Tier-Tribals bedeckt. Ihre Bedeutung bezieht sich zweifellos auf die vollzogenen Tötungen und den sozialen Status des Kriegers. Andere skythische Funde bestätigen dies.


Stilistisch finden sich die Symbole in persischer, assyrischer, indischer Kunst wieder und besonders starke Parallelen sind zur Zhou-Dynastie und der Kunst chinesischer Kriegsperioden zu erkennen.
Die älteste bekannte Fund eines tätowierten Menschen in Europa geht dabei bis ins Jahre 5.300 v. Chr. zurück und befindet sich auf dem mumifizierten Körper des Steinzeitmenschen „Ötzi“, welcher über Jahrtausende in einem Gletscher im Ötztal, Österreich eingeschlossen und konserviert war. Er besaß über 40 Tätowierungen am ganzen Körper und es wird vermutet, dass die parallel verlaufenden, tätowierten Linien einen therapeutischen Nutzen gehabt haben sollen, da sie sich ausschließlich an Stellen befinden, die heute als Akupunkturpunkte bekannt sind. Es kann also davon ausgegangen werden, dass eine schützende, kraftsteigernde und heilende Wirkung die zugesprochene Absicht dieser Tattoos gewesen ist.

Mit dem Zeitalter der Piraten

und Entdeckungsreisenden begann dann in Europa die uns bekannte Blütezeit der Tätowierungen. Durch die Überseeschifffahrt des 17. und 18. Jahrhunderts kamen europäische Matrosen in Kontakt mit den tätowierten Mitgliedern indigener Stämme. Sie selbst ließen sich ihre Reisen auf ihrer Haut in Anlehnung daran verewigen. 1774 brachte James Cook dann den Polynesier Omai auf eigenen Wunsch mit nach London, wo er  als lebendiges Ausstellungsstück bewundert wurde. Die Wiederentdeckung der europäischen Tätowierungen ging mit dem Hype um den tätowierten Polynesier einher und bald wurde die im Mittelalter verbotene Kunst wieder populär. Der Begriff Tattoo entwickelte sich aus dem polynesischen Wort ta-tatau, welches wohl den rhythmischen Akt des Farbe in die Haut Bringens beschreibt. James Cook übernahm dies fast genau nur mit einer Silbe weniger. Durch die englische Gesellschaft wurde dann aus „tatau“ das Tattoo.

Während der industriellen Revolution

wurde die Kunst des Tätowierens als Protest der Unterdrückten genutzt um sich auf diese Weise wenigstens einen kleinen Teil ihrer Identität erhalten zu können. Während der französischen Revolution wurden mit Tätowierungen politische Überzeugungen und religiöse Bekenntnisse ausgedrückt. Immer schon wurde die Körperkunst der indigenen Völker als verwegen, erotisch und zierend empfunden. Sie symbolisierten auch eine schönere und freiere Welt und somit war auch die vornehmere Gesellschaft von der Modeerscheinung nicht verschont geblieben. Fast alle europäischen Fürstenhäuser hatten tätowierte Angehörige. So beispielsweise auch Kronprinz Rudolf von Österreich, Erzherzog Franz Ferdinand und Erzherzogin Anna und Lady Jenny Churchill, sogar die Mutter von Sir Winston Churchill trug eine sich in den Schwanz beißende tätowierte Schlange als Symbol der Ewigkeit auf ihren Arm.

Durch die Erfindung eines Gravurgeräts

durch Thomas Edison 1877, kam Samuel F. O´Reily 1891 auf die Idee eine elektrische Tätowiermaschine zu entwickeln.
Zu dieser Zeit etablierten sich auch die ersten professionellen Tätowierer, welche meist ehemalige Matrosen waren. Tattoo-Shops in den großen Hafenstädten sprossen aus dem Boden und gewährleisteten somit eine zumindest etwas bessere hygienische Grundlage für Tätowierte und Tätowierende. Es waren vorwiegend Seeleute, Hafenarbeiter, Soldaten und Nichtsesshafte wie Handwerksburschen, Hausierer, Erntearbeiter, Marktfahrer und Jahrmarktsleute welche sich zu dieser Zeit hier tätowieren ließen. Gänzlich tätowierte Menschen traten oft als Schausteller auf Jahrmärkten, Messen und Panoptiken auf. Zuschauer waren schockiert, begeistert und fasziniert von den „Bemalten“ bis das Tätowieren in Verruf und Vergessenheit geriet.
Nach einer kurzen Zeit der Popularität in den „besseren Kreisen“ wurde fortan nur noch in der Unterschicht und der Unterwelt tätowiert. Nicht zuletzt war hier die Tätowierung auch ein bewusst gewählter Ausdruck, um sich von der übrigen Gesellschaft deutlich abzugrenzen.

Auch die Tätowierung in den Gefängnissen lebte, trotz strenger Verbote und der Androhung schwerer Disziplinarstrafen, weiterhin fort. Speziell in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde die Tätowierung unter Häftlingen zu einem Ausdruck des Protests gegen die Entmenschlichung.

Während der sechziger Jahre erfreute sich das Tätowieren besonders unter Jugendlichen in Europa einer großen Beliebtheit. Auch im Zuge der Jugendprotestbewegungen und des sich von der Spießigkeit der Erwachsenen abgrenzen Wollens führte dazu, dass die Körperkunst wieder öfter zu sehen war. Sowohl Hippies als auch Punks machten die Tätowierung zu einem Massenphänomen der Jugendbewegung. Die Verbundenheit innerhalb der Gruppen und die Abgrenzung von der Mainstream-Gesellschaft konnte so durch die Tätowierungen ausgedrückt werden.
Rocker, Skinheads und Punks entwickelten ihre eigenen szenetypischen Motive mit klassischen Motiven wie grinsenden Totenschädeln, Ratten oder Namen von bekannten Bands.

Während Tätowierungen vorher den Rockern, Hippies, Häftlingen und Zirkusschaustellern vorbehalten waren, nutzten die Punks sie nun als permanente Ausdrucksform nicht gesellschaftsfähiger Individuen, denen die bürgerliche Gesellschaft keine Hoffnung für die Zukunft gab.

Im Laufe der Jahre

und der sich verbessernden Qualität und Hygiene und der Komplexität der Motivauswahl und Tätowierstile begeistern sich mittlerweile immer mehr Menschen jeglicher Gesellschafts- und Altersschichten für die Ausdrucksform der Tätowierungen. Auch der Frauenanteil sowohl bei Tätowierten als auch bei Tätowierenden hat sich in den letzten zwanzig Jahren vervielfacht. Auch wenn sich also das Klientel in den letzten 150 Jahren verändert bzw. erweitert hat, sind die Funktionen immer die gleichen geblieben. Eine Tätowierung ist ein soziales Symbol mit Innen- und Außenwirkung. So lassen sich Trauer, Freude, neue Lebensabschnitte und Erlebnisse verewigen und persönliche Vorlieben und Interessen nach außen tragen. Aus oft schwerwiegenden Erlebnissen, kann etwas Schönes geschaffen werden, was dem Träger Kraft geben und Unbegreifliches begreiflich machen kann. Wie schon seit Ewigkeiten in indigenen Völkern gehandhabt, kann eine Tätowierung somit nicht nur schön sondern auch etwas sehr Spirituelles sein.